Die Herren der Riesentiere

Genauso wie Thun ohne Schloss und der Fulehung ohne Glöggli undenkbar sind, genauso ist es nicht möglich, sich ein Thunfest vorzustellen, an dem niemand spätnachts mit einem überdimensionierten Plüschtier durch die Gassen zieht. Der FC Lerchenfeld ist wahrscheinlich der einzige Thuner Verein, der seit mehr als drei Jahrzehnten die Tradition des Zwirbele am Thunfest aufrecht erhält und pflegt.

„Einmal kam einer an den Stand und wollte unbedingt so ein Vieh haben“, erinnert sich Charles Giger. „Weil er nicht spielen mochte, kaufte gleich er sämtliche Nummern einer Spielrunde, packte die Preise ein und zog von dannen.“ Geschichten wie diese könnte der heutige Geschäftsleiter des FC Lerchenfeld wohl noch eine ganze Menge erzählen. Immerhin stand der 62-Jährige mehrere Jahre lang selber am Zwirbeli-Stand der grün-rot gewandeten Fussballer aus dem Nordwesten der Stadt. „Ich fing an, als wir schon am Freitagnachmittag auf dem Rathausplatz spielen durften“, erinnert er sich.

 

Während im Lauf der Jahre immer mehr Vereine das Spiel aufgegeben haben, weil eine simple Bar lukrativer wurde, blieb der FC Lerchenfeld dem drehenden Glücksrad, den Nümmerli und den riesigen Plüschviechern treu; heute betreibt er den einzigen Stand im Bälliz, an dem noch gespielt wird. „Etwas anderes stand gar nie zur Diskussion“, sagt Giger. Einzig die Trägerschaft ist heute anders organisiert als früher.

 

Mit dem Wachstum des Fussballclubs (vgl. Text unten) wurde ein gesichertes Budget immer wichtiger. Schwankende Erträge aus einem Spielstand an einem Fest, der auf Gedeih und Verderb den Launen des Wetters ausgesetzt ist, und die damit alles andere als gesichert sind, sind definitiv nicht, was ein pflichtbewusster Kassenwart brauchen kann. Zudem wurde der Anteil, den der Stand an das immer umfangreichere Vereinsbudget beigesteuert hat, immer kleiner.

 

Deshalb entschied sich der Vereinsvorstand vor einigen Jahren, dass nicht mehr der Club selber das Risiko für den Stand tragen soll, sondern jene Mannschaften, die den Stand selber betreiben – heute sind das die Teams, die in der 3. und 4. Liga spielen. „Der Verein schiesst die Standmiete vor und übernimmt die ganze Anmeldung und Administration“, erklärt Giger, „die Mannschaften organisieren den Aufbau und Betrieb des Standes selber. Dafür fliesst der ganze Nettoertrag aus dem Thunfest-Stand direkt in die Mannschaftskasse.“

 

Wieviel Geld der Zwirbeli-Stand an einem guten Thunfest-Samstag in die Kasse spült, verrät Giger nicht – nur, dass ein eingespieltes Aufbauteam „seit Jahren engagiert mit von der Partie“ ist und dass die Mannschaften insgesamt rund 10 Spieler stellen, die in zwei Schichten das Zwirbelirad drehen und Nummern-Lose verkaufen. „Am besten läufts zwischen 20 und 23 Uhr“, weiss der Leiter der Lerchu-Geschäftsstelle.

 

An einem Samstagabend – von 17 bis 1 Uhr früh – werden bei guter Witterung zwischen 80 und 90 Runden gespielt, pro Runde mindestens ein Riesen-Vieh abgegeben. „Das ist allerdings auch nur möglich, dank dem, dass wir seit eh und je gute Kontakte zum Lieferanten in Worb pflegen.“

 

Obwohl er seit einigen Jahren nicht mehr selber am Stand steht, gehört der Gang durchs Bälliz für Charles Giger am Thunfest-Wochenende „eifach derzue“. „Auch wenn ich keine Konzerte besuche, ist klar, dass man zumindest eine Plakette kauft.“ Ein Punkt – wohl der einzige neben der grossen Menschenmenge, die ihm bisweilen „scho chli zviu“ sei – der ihm beim Gedanken ans Thunfest manchmal zu schaffen macht. „Ich verstehe diese Gratis-Mentalität nicht. Es geht doch nicht, dass man ein solches Fest haben will, aber nicht bereit ist, es mit dem Kauf einer Plakette oder eines Konzertbändels zu unterstützen.“


FC Lerchenfeld - Mehr als 90 Jahre für den Fussball

Mit seinen 715 Mitgliedern ist der FC Lerchenfeld einer der grössten Fussballclubs auf den Platz Thun. Insgesamt 22 Teams tragen die Vereinsfarben Rot und Grün, 14 davon sind Juniorenteams, in denen 315 Kinder und Jugendliche einer sinnvollen Freitzeitbeschäftigung nachgehen können. Präsidiert wird der Verein von Mathias Kohler, Charles Giger amtet als Geschäftsführer in einem Pensum das rund 20 Prozent entspricht.

 

„Die Abmachung ist, dass ich pro Woche mindestens einen Arbeitstag fix für den Verein investiere“, sagt Giger. Der Verein ist neben dem FC Interlaken einer der einzigen im Berner Oberland, der mit einer Teilzeit-Geschäftsstelle agiert. „Wir haben diese Organisationsform neben mehreren Alternativen sorgfältig geprüft.“ Am Ende haben die Vereinsmitglieder mit rund 85 Prozent Ja-Stimmen das neue Organisationsmodell gutgeheissen.

 

Der Verein managt mittlerweile ein Budget von rund 370000 Franken – ohne Beiz im Club-Lokal. Jährlich veranstalte er mehrere Lottomatches, alle zwei Jahre einen Sponsorenlauf; hinzu kommen diverse Turniere, das FCL-Abschlussfest auf der Waldeck jeweils im Juni sowie das Weihnachtsfest für die E- bis G-Junioren. Ferner ist der Supporter- und Donatoren-Klub mit seinen rund 170 Mitgliedern eine wichtige finanzielle Stütze für den Verein. 

www.fclerchenfeld.ch